Kongress der Sozialwirtschaft 2025

„Algorithmen mit Herz – KI im Dienst der Sozialwirtschaft“

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Unter dem Motto „Algorithmen mit Herz – KI im Dienst der Sozialwirtschaft“ versammelten sich rund 170 Führungskräfte und Nachwuchstalente am 25. und 26. November 2025 zum Kongress der Sozialwirtschaft in Berlin. Zwei Tage lang drehte sich alles um die Frage, wie künstliche Intelligenz soziale Organisationen stärken kann, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren. Dabei wurden strategische, ethische und rechtliche Aspekte ebenso eruiert wie Erfahrungen aus der Praxis. Das Ziel ist klar: Die Teilnehmenden gestalten die digitale Transformation der Branche aktiv.

Seit 1999 ist der Kongress der Sozialwirtschaft eine feste Größe der Branche. Nach der konzeptionellen Neuausrichtung im Anschluss an den 12. Kongress 2022 wird der Kongress nun erstmals von SozialGestaltung, SozialBank, SozialFactoring und Wohlfahrt Intern ausgerichtet. In kompakter Form und mit Speed-Dating-Angeboten zu Fachthemen richtet sich das Format gezielt an die nächste Generation von Führungskräften in der Sozialwirtschaft, die den Dialog mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen suchen.

 

Tag 1: Gemeinwohl und Pflege im Fokus

Der erste Kongresstag stand ganz im Zeichen der Pflege und des Gemeinwohls. Nach einem interaktiven Auftakt eröffneten Prof. Dr. Harald Schmitz, Vorstandsvorsitzender der SozialBank AG, und Iris Röthig, Herausgeberin und Chef[1]redakteurin des Fachmagazins Wohlfahrt Intern, offiziell den Kongress. Prof. Dr. Harald Schmitz betonte die Bedeutung von Austausch und Vernetzung in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs sowie die Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation. Künstliche Intelligenz sei ein zentraler Treiber für Effizienz und neue Prozesse, müsse aber den Menschen dienen. Damit Innovationen entstehen, brauche es Freiheit und Flexibilität. „Wir müssen Räume schaffen, in denen Kreativität gedeiht, und den Mut haben, ungewohnte Wege zu gehen“, sagte Schmitz.

Iris Röthig hob die besondere Rolle des Kongresses als Impulsgeber für die Branche hervor und berichtete von KI-Projekten mit Rückschlägen, die dennoch wertvolle Erkenntnisse brachten. „Wichtig ist allein, dass wir uns auf den Weg machen“, betonte sie. „Vielleicht geht es uns mit der KI wie einst Christopher Columbus: Er hatte den westlichen Seeweg nach Indien gesucht und einen neuen Kontinent gefunden.“

Was erwartet uns 2026?

In seinem Impulsvortrag blickte Prof. Dr. Alexander Löser, KI-Forscher an der Berliner Hochschule für Technik, auf voraussichtliche Entwicklungen im Jahr 2026. Tools aus den USA und China wie „Good Doctor“ für Triage vor der Behandlung, Anamnese und Diagnostik oder „AI Scribe“ für Sprachaufnahmen zur Epikrisenerstellung zeigen großes Potenzial im Gesundheitswesen. Hierzulande kann die KI bereits Routineaufgaben wie Medikamentenvergabe, die Überwachung von Vitalzeichen und die Dokumentation übernehmen. Künftig können auch Behandlungsabläufe intelligent gesteuert und ergänzt werden: Behandler chatten direkt mit elektronischen Patientenakten und behalten auch bei komplexen Patientenhistorien den Überblick. Patienten können mit ihren Gesundheitsdaten interagieren und erhalten Antworten, die individuell auf ihre Behandlung abgestimmt sind. „Die Entscheidung bleibt beim Menschen“, betonte Löser. Von einer allgemeinen KI, die menschliche Fähigkeiten umfassend nachbilde, sei die Technik weit entfernt. Kritisches Denken und das Stellen der richtigen Fragen blieben menschliche Domänen.

Rund 170 Teilnehmende verfolgten die Vorträge und Praxisberichte
Prof. Dr. Harald Schmitz, Vorstandsvorsitzender der SozialBank, eröffnete den Kongress gemeinsam mit Iris Röthig, Herausgeberin und Chefredakteurin von Wohlfahrt Intern

Trotz großer Fortschritte und sinkender Entwicklungskosten bleibt der Einstieg in künstliche Intelligenz für viele Akteure der Sozialwirtschaft weiterhin eine Herausforderung. Gerade kleinere Träger kämpfen mit Einstiegshürden: Datenschutzfragen, fehlende Interoperabilität, kaum vorhandene Standards und große Investitionen in Vorleistung. Lösers Empfehlung: „Warten Sie nicht auf perfekte Bedingungen. Starten Sie, auch wenn es holprig läuft. Der größte Gewinn liegt im Lernen und im Aufbau eigener Kompetenzen.“ KI sei kein kurzfristiger Hype, sondern ein Strukturwandel. „Wir können ihn nicht aussitzen.“ Wichtig sei es, den Austausch mit wenigen weiteren Organisationen zu suchen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Risiko, Daten, Know-how und Kosten werden geteilt. Sein Fazit: „Wer heute in KI investiert, verliert kurz an Produktivität – aber morgen gewinnt er deutlich an Effizienz und Wirkung.“ Elke Eckardt, Geschäftsführerin der Evangelischen Heimstiftung, demonstrierte mit dem sozialen Roboter „Navel“, wie KI in der Pflege nicht nur Prozesse unterstützt, sondern auch soziale Interaktion fördert. Ob KI künftig fehlende Fachkräfte ersetzen kann, wurde dabei ebenso diskutiert wie die wirtschaftliche Tragfähigkeit solcher Lösungen. Einen detaillierten Beitrag finden Sie ab Seite 10. Am Nachmittag präsentierten fünf soziale Organisationen Best-Practice-Beispiele aus ihren KI-Anwendungen.

SPELL – KI in der Rettungsleitstelle

Simon Franke vom DRK-Landesverband Rheinland-Pfalz präsentierte das Projekt SPELL, das KI zur Unterstützung von Rettungsleitstellen nutzt. Geht zum Beispiel ein Notruf in einer fremden Sprache ein, kann eine Live-Übersetzung aktiviert werden. Der Standort des Anrufers wird auf einer Karte angezeigt, interne Datenbanken und öffentlich zugängliche Informationen wie Verkehrsdaten, Social-Media-Beiträge oder – bei Bränden wichtig – die Windrichtung werden berücksichtigt. Die KI trägt alle Informationen zusammen, bewertet in Sekundenschnelle die Situation vor Ort und schlägt passende Rettungseinheiten vor. Alle Einsatzkräfte sind an die Plattform angeschlossen, ein Datenaustausch in Echtzeit ist somit möglich. So können Kamera- oder Drohnenbilder umgehend den beteiligten Einsatzkräften zur Verfügung gestellt werden. Die Plattform soll nach der Testphase den Leitstellen in Rheinland-Pfalz zur Verfügung stehen.

KARE – Hybrides Assistenzsystem für die Pflege

Nina Inken Schmidtmann, Bruderhaus Diakonie, und Tobias Roos, Hochschule Furtwangen, präsentierten KARE: ein Kib-asiertes Assistenzsystem, das Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz bei der selbstständigen Haushalts- und Lebensführung unterstützt. Mithilfe von Sensorik und Chatbot erkennt das System, wie es den Nutzenden geht, erinnert an Medikamente und informiert bei Bedarf Pflegekräfte. Es soll menschliche Fürsorge nicht ersetzen, sondern Teilhabe und Selbstbestimmung stärken.

Chatbot „Marie“ bei der AWO Wesel

Thomas Evers, AWO KV Wesel, präsentierte den KI-Chatbot Marie, der auf der Website des Kreisverbands Auskunft über Angebote und Leistungen gibt. Mit generativer KI ausge[1]stattet, führt Marie menschenähnliche Dialoge und kann auf eine Vielzahl von Anfragen flexibel reagieren. Dies verbessert nicht nur die Zugänglichkeit und Benutzerfreundlichkeit der Webseite, sondern entlastet auch die Mitarbeitenden. Perspektivisch soll Marie zu einem universellen Sozialberater ausgebaut werden, der erste Fragen zu sozialen Leistungen beantwortet, Hilfestellung bei Anträgen gibt oder auf weiterführende Beratungsangebote hinweist.

Digitale Assistenzsysteme in den Kleeblatt Pflegeheimen

Stefan Ebert, Geschäftsführer der Kleeblatt Pflegeheime, zeigte, wie Technologien wie „cogvisAI“ und „Carechamp“ zur Sturzprävention und Dokumentationsunterstützung den Pflegealltag erleichtern. Smarte Sensoren können Auffälligkeiten im Bewegungsverhalten von Bewohnern analysieren und frühzeitig auf ein erhöhtes Sturzrisiko hinweisen. Weitere Tools wie „Voize“, „Tovertafel“ oder „FLIP“ reduzieren den Dokumentationsaufwand über Spracherkennung, fördern die kognitive und soziale Aktivität der Bewohner*innen und verbessern die interne Kommunikation in den Teams. Entscheidend für den Erfolg sei eine hohe Akzeptanz bei Mitarbeitenden und spürbarer Mehrwert im Alltag.

Mit KI das passende Ehrenamt finden

Wie die Vermittlung von Freiwilligen mit einem KI-basiertem Matching funktioniert, zeigte Alexander Westheide von der Aktion Mensch. Die Anwendung lässt sich auch auf andere Organisationen übertragen. Die Beispiele verdeutlichen, wie vielfältig KI in der Sozialwirtschaft eingesetzt werden kann. Sie zeigen auch, dass technologische Innovationen dann erfolgreich sind, wenn sie praxisnah entwickelt, ethisch reflektiert und mit den Menschen gemeinsam gestaltet werden. Wie dies am besten gelingt, wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion unter Moderation von Susanne Leciejewski thematisiert.

Susanne Leciejewski führte durch den Kongress
Der soziale Roboter „Navel“ unterhielt sich mit Elke Eckardt und begeisterte das Publikum.

Tag 2: Ethik, Recht und Fundraising

Der zweite Kongresstag widmete sich ethischen Fragen, rechtlichen Rahmenbedingungen und Finanzierungsmöglichkeiten rund um KI. Prof. Dr. Stefan Heinemann (FOM Hoch[1]schule und KI-Botschafter bei der AWO Essen) eröffnete mit einem ethischen Blick auf KI: Wie kann sie verantwortungsvoll und menschenzentriert in der Sozialwirtschaft eingesetzt werden? Für ihn ist klar: KI darf nicht zum Kipppunkt für die Gesellschaft werden, sondern muss solidarisch gestaltet werden. Soziale Unternehmen sollten sich an die Spitze der Bewegung setzen und Qualitätslösungen für KI-basierte soziale Dienste entwickeln, statt die Anwendungen Google und Co. zu überlassen.

Rechtsanwältin Dr. Isabella Löw (Kanzlei Winheller) beleuchtete die rechtlichen Herausforderungen beim KI-Einsatz, allen voran den Datenschutz. Anhand konkreter Beispiele zeigte sie, wie Organisationen Technik und Recht ausbalancieren und Vertrauen durch klare Regeln stärken können, um soziale Gerechtigkeit und Inklusion zu gewährleisten.

 Im Vortrag von Prof. Dr. Michael Urselmann der TH Köln wurde deutlich: Künstliche Intelligenz verändert das Fundraising grundlegend. Prädiktive KI ermöglicht präzise Vorhersagen, etwa zur Spenderbindung oder zum Upgrading-Potenzial von Spendern. Generative KI erstellt personalisierte Texte, Social-Media-Posts und sogar Förderanträge, spart Zeit und steigert die Qualität der Fundraising-Ansprache. Doch Urselmann mahnte auch zur Vorsicht: Eine verlässliche Datenqualität ist die Basis, rechtliche Vorgaben und ethische Standards müssen eingehalten werden. KI darf die Vertrauensbasis des Fundraisings nicht gefährden. Die Hauptverantwortung bleibt beim Menschen.

Von der Pflegedokumentation über Assistenzsysteme bis hin zu Robotik und Spenderansprache eröffnen sich spannende Möglichkeiten für KI in der Sozialwirtschaft. Es bleibt die Frage nach der Finanzierung solcher Projekte. Isabel Rost und Enrico Meier von der SozialBank beschrieben das Vorgehen. Zunächst ist eine klare Zieldefinition vorzunehmen: Welches Problem soll die KI lösen, welchen Mehrwert bringt sie für Klienten und/oder Mitarbeitende? Im nächsten Schritt empfiehlt sich eine Wirtschaftlichkeitsanalyse und eine frühzeitige Kontaktaufnahme mit der SozialBank. Gemeinsam werden dann Finanzierungskonzepte entwickelt und passende Fördermittel identifiziert. Den Abschluss bildeten eine Podiumsdiskussion sowie ein Quiz mit Preisverleihung, moderiert von Susanne Leciejewski und Thorsten Bastian (Next2Brain). Die Gewinner freuten sich über Seminar-Gutscheine, Fachliteratur und eine KI-Beratung.

Fazit

Der Kongress machte deutlich: Sozialunternehmen tragen Verantwortung, um die digitale Zukunft sozial zu gestalten. Auf Politik und das Bildungswesen haben die meisten Organisationen nur begrenzt Einfluss. Aber was alle tun können, ist sich selbst auf den Weg zu machen. KI ist mehr als Technik – sie wird zum strategischen Partner, wenn sie ethisch, wirtschaftlich und sozial verantwortungsvoll eingesetzt wird.