Pflegebedarf voraussehen – kleinräumig planen, gezielt handeln

Group of businesspeople in team brainstorm meeting discussion on ESG (Environmental, social, corporate governance) organization planning. Sustainable business, coworker people teamwork. Close up

Wie präzise Daten Kommunen, Träger und Investoren in der Pflegebedarfsplanung unterstützen

Abstract
Die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt, während sich die Versorgungslogik verschiebt: mehr Pflege zu Hause, weniger verlässlich verfügbare Heimplätze, wachsende Belastung der Angehörigen. Datenbasierte Prognosemodelle machen Pflegebedarfe heute auf Quartiersebene sichtbar – nicht erst, wenn Wartelisten entstehen. Das von der SozialGestaltung GmbH gemeinsam mit der Prognos AG und dem Institut für Gerontologie der Technischen Universität Dortmund entwickelte Modell wurde technologisch auf 100×100-Meter-Raster (Zensus) umgestellt. Es liefert belastbare Szenarien bis 2045 und weist Versorgungsrisiken frühzeitig aus.

Pflegelandschaft im Umbruch – was sich wirklich verändert
Zwischen 2019 und 2023 ist die Zahl der Pflegebedürftigen bundesweit deutlich gestiegen (4,13 auf 5,69 Mio.). Gleichzeitig verschiebt sich die Versorgung: In vielen Regionen wächst die informelle Pflege durch Angehörige, während stationäre Kapazitäten durch Fachkräftemangel unter Druck geraten. Wenn Plätze „auf dem Papier“ vorhanden sind, aber nicht belegbar, ist die Planungslage verzerrt. Dazu kommen gesetzliche Anpassungen (z. B. PUEG), die Zugänge zu Leistungen erleichtern und Bedarfe schneller sichtbar machen.

Warum klassische Bedarfsplanung an Grenzen stößt
Viele Planungen arbeiten mit großen Gebietseinheiten (Kreis, PLZ-Region) und Durchschnittswerten. Für Haushalts- und Flächenentscheidungen ist das zu grob: Ein Kreis kann gleichzeitig stark alternde Quartiere und junge Wachstumsgebiete haben. Genau dort entstehen die typischen „Überraschungen“: Tagespflege ist überlaufen, ambulante Dienste nehmen keine neuen Klienten an, und stationäre Plätze sind zwar „da“, aber nicht nutzbar. Der Engpass entsteht kleinräumig – also muss auch die Prognose kleinräumig sein.

Was das Modell anders macht – kurz und prüfbar
Die aktuelle Modellgeneration nutzt 100×100-Meter-Gitterzellen des Zensus (über 3 Mio. Rasterpunkte in Deutschland). Dadurch werden Alters-, Geschlechts- und Haushaltsstrukturen unabhängig von Verwaltungsgrenzen sichtbar. In fünf Bausteinen:

  1. Bevölkerungsprognosen des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bis 2045.
  2. Pflegestatistik als Status quo der Pflegewahrscheinlichkeit nach Alter und Geschlecht.
  3. Sozialstrukturelle Faktoren (u. a. Haushaltsformen, sozioökonomische Lage) zur Differenzierung auf Quartiersebene.
  4. Szenarienlogik: „Was passiert, wenn…?“ (z. B. mehr ambulant, mehr Entlastung, begrenzte Personalverfügbarkeit).
  5. Abgleich mit Angebotsdaten (ambulant, stationär, Tagespflege, Beratung) und Erreichbarkeiten.

Wichtig: Das Modell ersetzt keine Einzelfallbegutachtung. Es liefert planungsrelevante Erwartungswerte, die Maßnahmen priorisieren helfen – transparent und nachvollziehbar.

Mehrwert für Kommunen – drei Entscheidungen, die heute möglich werden
Mit kleinräumigen Ergebnissen lassen sich kommunale Fragen konkret beantworten:
• Wo altern Quartiere besonders schnell – und ab wann droht Unterversorgung?
• Wo ist die Belastung der Angehörigen hoch, aber Entlastung (Beratung, Tagespflege, niedrigschwellige Hilfen) gering?
• Welche Standorte sind für neue Angebote geeignet (Nachfrage, Erreichbarkeit, Flächen)?

Typische Anwendungen:
– Pflegeentwicklungsplan: Handlungsräume priorisieren (z. B. 2027/2030/2035) statt „alles überall“.
– Prävention & Teilhabe: Quartiersarbeit und Beratung dort stärken, wo sie messbar Wirkung entfalten.
– Flächen- und Infrastrukturplanung: Standortentscheidungen datenbasiert begründen.

Nutzen für Träger und Investoren – planbar trotz Unsicherheit
• Ambulante Dienste: Einzugsgebiete gezielt erweitern, Tourenlogik und Recruiting-Fokus entlang künftiger Hotspots ausrichten.
• Stationäre Anbieter: Auslastungsszenarien unter Personalrestriktionen rechnen und Spezialisierungen ableiten (z. B. Kurzzeitpflege, Demenz).
• Projektentwickler/Investoren: Standort-Risiko-Checks (Nachfrage, Wettbewerb, Dynamik) und Potenzialräume für gemischte, modulare Konzepte (betreutes Wohnen + Tagespflege + ambulant).

Was Sie am Ende tatsächlich in der Hand haben
Damit Analyse nicht im Dashboard endet, werden Ergebnisse als Entscheidungsunterlagen aufbereitet:
– Karten: künftige Pflegequoten, Versorgungslücken, Erreichbarkeiten.
– Kennzahlen je Quartier: erwartete Pflegefälle nach Pflegegrad, Haushaltsform und Zeitraum.
– Maßnahmenliste: „Top-10 Handlungsräume“ mit Optionen, grober Kosten-/Nutzenlogik und Zeithorizont.
– Szenarienvergleich: Welche Maßnahme schließt welche Lücke (und welche nicht)?

Beispiel: Einzugsgebiet-Analysen für Köln zeigen, wie sich Nachfrage entlang realer Wohn- und Mobilitätsmuster verteilt – ein zentraler Hebel für Standort- und Erreichbarkeitsfragen.

So wird aus Analyse Umsetzung (4 Schritte)

  1. Zielklärung: Welche Entscheidungen sollen getroffen werden (Standorte, Kapazitäten, Entlastung, Quartiersarbeit)?
  2. Datensichtung: Welche Angebots- und Strukturdaten liegen lokal bereits vor?
  3. Auswertung & Szenarien: Hotspots, Lücken, Prioritäten – inkl. Variantenvergleich.
  4. Maßnahmen-Design: konkrete Optionen je Handlungsraum, Verantwortlichkeiten, Monitoring-Kennzahlen.

Warum das auch eine ethische Dimension hat
Kleinräumige Unterschiede entscheiden darüber, wer Zugang zu Unterstützung hat. Datenbasierte Planung ermöglicht gerechtere Ressourcenverteilung: dort auszubauen, wo Bedarf, soziale Lage und Versorgungsdefizit zusammenkommen. Für kirchliche und kommunale Träger ist das eine Voraussetzung für Teilhabe: passgenaue Angebote statt Gießkanne.

Fazit
Pflegebedarfe wachsen schneller als Strukturen nachkommen. Wer heute plant, braucht Vorlauf – und ein Bild, das kleinräumig genug ist, um wirksam zu sein. Die Gitterzellentechnologie des Modells macht Engpässe früh erkennbar und schafft Planungssicherheit für Kommunen, Träger und Investoren: Evidenz statt Bauchgefühl.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen? Kontaktieren Sie uns unter:

Lukas Lambertz
stellv. Leitung Sozialwirtschaft

E-Mail: l.lambertz@sozialgestaltung.de